Die Frage nach dem Paradies
Eines nachts sah Sven in den Himmel. Die Sterne leuchteten hell, der Mond war nur noch eine Sichel. Er hatte lange Jahre geglaubt, dass dort oben das Paradies war. Doch nun wusste er, dass dort oben im Himmel eine endlose Weite lag und keine Engelchen auf den Wolken saßen und trotzdem war es für ihn weiterhin das Paradies, von dem alle redeten. Er fand es schade, dass man mit der Zeit lernen musste, dass vieles nur Märchen waren und dann nach und nach immer mehr Fragen aufkamen. Wo und was war das Paradies dann?
Es war die Nacht in der Sven in das Weltall fliegen sollte. Die Crew kontrollierte alles ein letztes Mal, während er alleine auf der Wiese stand und in den Himmel sah und sich über Engel Gedanken machte. Warum er genau in diesem Moment darüber nachdachte, wusste er nicht. Vielleicht war es einfach nur die Tatsache, dass er nun ins Paradies fliegen würde oder dahin, was er mal dafür gehalten hatte.
Es war hektisch um ihn herum, es wurden ihm Fragen gestellt, die er mechanisch beantwortete. Dann war es soweit und er wurde in das irdische Raumschiff gesteckt. Der Countdown verging schleppend, die Wucht des Abflugs drückte ihn in den Sitz. Dann begann das Warten. Wieder Fragen, die durch seinen Kopf huschten und immer wieder die Frage nach dem Paradies. Es wäre schön, wenn es das Paradies geben würde. Dort würde es keine Gewalt mehr geben und alle würden in Frieden leben.
Er kam dem Mond immer näher. Er war wuchtig, fast erdrückend und trotzdem faszinierend. Er durchquerte die Wolken, flog weiter und begann plötzlich zu schweben, als die Erdanziehungskraft nicht mehr wirken konnte. Das Schweben erinnerte ihn an einen Engel, es gab keine Gewalt, er war mit sich im Frieden. Hatte er etwa das  Paradies gefunden? Skeptisch sah er sich um. Nein, er war nicht im Paradies. Doch ihm wurde plötzlich etwas bewusst. Wenn niemand Gewalt anwenden würde, gäbe es auf der Erde keine Gewalt. Es würden alle in Frieden leben und niemand müsste mehr Angst haben. Wenn die Menschen mehr auf die Natur und ihre Schönheiten achten würden, bräuchten sie keine Vorstellung eines Paradieses, weil sie wüssten, dass sie schon in einer Art Paradies lebten und sie es mit der Umweltverschmutzung zerstörten!
Die Erkenntnis traf Sven wie ein heftiger Hammerschlag. Die Menschheit verbrachte viele Stunden mit Fragen, die man nicht beantworten konnte. Niemand konnte sagen, wo das Paradies war. Doch übersahen sie dabei das Wesentliche. Wieso träumte man von dem göttlichen Paradies, wenn man schon in einem lebte?!
Die Erde lag weit unter ihm. Wirkte klein und zerbrechlich. Sven hatte seine Antwort gefunden. Die Menschheit lebte schon längst im irdischen Paradies, es hatten nur nicht alle erkannt.
Wenn er in einigen Tagen danach gefragt werden würde, was er im All gelernt hatte, würde er antworten: „Das Leben ist die Antwort auf die Frage nach dem Paradies!“
 
© Nina B.

Veröffentlichung: August 2006