Der Steinbruch
Didi wusste genau, dass sie etwas Verbotenes tat, als sie in den alten Steinbruch hinab schlitterte. Der Alte von Nebenan behauptete, dass an diesem Ort vor langer Zeit seltsame Dinge geschehen waren und sich seitdem niemand mehr in den Steinbruch gewagt hatte. Doch grade das Verbotene reizte das Mädchen so sehr. Um sie herum war es ganz still, nur ihre Schritte hallten laut nach. Und trotzdem spürte sie, dass sie nicht alleine war. So oft sie sich auch ängstlich umsah, sie konnte niemanden entdecken. Didi wurde unruhig und bereute ihr kleines, verbotenes Abenteuer, als ein dünnes Stimmchen an ihr Ohr drang. Überrascht sah sie sich um und suchte denjenigen, von dem das Gejammer kam, und riss ungläubig die Augen auf, als sie dicht neben ihren Füßen einen etwa faustgroßen Stein liegen sah, der zwei Augen und einen Mund hatte. Zweifelnd rieb sie sich die Augen. „Bleibe hier, Mädchen. Du bist meine letzte Hoffnung!“, krächzte der Stein und riss seine Augen weit auf. Didi schüttelte den Kopf so heftig, als ob sie hoffte wach werden zu können. „Mein Volk hat seit vielen Jahren mit den Trollen Streit, weil sie denken, dass wir Elfen sie aus dem Steinbruch verdrängen wollen. Wir wollen jedoch nur einige Tage hier bleiben, bis wir einen passenden Ort zum Leben gefunden haben! Sie haben mich verflucht, als ich über ihr Terrain hinweg geflogen bin! Bitte bringe die Trolle zur Vernunft!“
„Wie soll ich das machen?“, stotterte Didi. „Das kann ich dir auch nicht sagen, ansonsten hätten wir schon lange keinen Streit mehr mit ihnen“, antwortete die verzauberte Elfe. Lächelnd lief Didi davon, als ihr plötzlich eine Idee kam. Das flehende Jammern des Steines war im ganzen Dorf zu hören, als Didi mit ihrem alten Nachbarn wiederkehrte. Nur ungern folgte er dem Mädchen in den Steinbruch. Man sah ihm die Skepsis an, die noch weiter wuchs, als Didi ihm die verzauberte Elfe vorstellte. Die jammerte so laut, dass einer der Trolle aus einer Höhle kam und wütend auf die beiden Menschen zukam. „Was soll dieser Krach? Verschwindet von hier, sofort!“, schrie er aufgebracht und kratzte sich an seiner fetten Knollnase. Besänftigend hob Didi daraufhin die Hand.
„Dieser Stein, ich meine, diese Elfe hat uns von dem Streit zwischen euren Völkern erzählt.“
„Na und? Ich wüsste nicht, was dich das angehen würde!“
„Der Streit geht um diesen Steinbruch und nun habe ich für die Elfen einen anderen Platz zum Leben gefunden, so dass ihr euren Steinbruch wieder für euch habt. Dann wären alle Probleme gelöst und die Elfe könnte wieder zurück verwandelt werden.“
„Wo soll dieser Platz sein? Es gibt kaum noch Orte, wo Fantasywesen unbemerkt leben könnten“, blaffte der Troll.
„Aber einen gibt es ganz sicher noch und das ist mein Garten“, antwortete der Alte. „Dort können die Elfen leben so lange sie wollen und bleiben vor neugierigen Blicken geschützt.“
„Einverstanden. Wenn die Elfen wirklich in deinen Garten ziehen können, werde ich sie zurück verwandeln.“ Langsam hob er den Stein auf und strich drei mal darüber, als auch schon die Schale des Steins wie bei einem Ei aufplatzte und eine bunte Elfe hinausschlüpfte.
„Ich danke euch für eure Hilfe!“, rief sie laut und flatterte davon. Auch der Troll zog zufrieden von dannen. Nun konnten beide Völker in Frieden leben.


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